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Friseur-Gesellin auf der Walz zu Besuch am Käthe-Kollwitz-Berufskolleg

 

Foto Caro Freisl

Caro Freisl (2.v.l.) zu Besuch in der AFR19B.

 

Hagen. Walz, Tippelei, Wanderschaft – drei Begriffe, die eines beschreiben: Ein Geselle bzw. eine Gesellin eines Handwerksberufes machen sich für mindestens drei Jahre und einen Tag auf den Weg, um sich die Welt zu erwandern und Erfahrungen im Beruf zu sammeln. Eine Herausforderung, die die Jung-Friseurin Caro Freisl angenommen und sich auf den Weg gemacht hat, die Welt zu entdecken.

Unerwartet stand sie im Klassenraum der Friseur-Unterstufe. Caro Freisl, Anfang 20, Friseur-Gesellin aus dem Kreis Garmisch-Partenkirchen und seit einem halben Jahr auf Wanderschaft, gekleidet in der traditionellen Kluft der Tippelbrüder und -schwestern. Das heißt schwarzer Hut und Jacke mit sechs Knöpfen sowie ein kragenloses Hemd plus Weste und Schlaghose im typischen Rot der Kreativberufe. Komplettiert wird diese Kluft vom Wanderstock, dem Stenz, der traditionell aus festem, geschwungenem Holz ist sowie einem „Charlottenburger“, also einer Art Stofftornister, in dem die Habseligkeiten transportiert werden.

Caro kam zur Käthe, wie es für Tippelschwestern und -brüder typisch ist: Sie hatte während ihres Aufenthalts in Hagen jemanden angesprochen und war dabei an eine ehemalige Lehrerin des Käthe-Kollwitz-Berufskollegs geraten. Diese sah sofort die Chance, den Nachwuchs-Friseuren an der Käthe ein ganz anderes Bild des Friseurberufs zu vermitteln und stellte den Kontakt her – sehr zur Freude der Auszubildenden, die fasziniert den Ausführungen Caro Freisls lauschten und sie mit Fragen überhäuften.

Dabei ist Caro Freisl eine echte Ausnahme, denn sie ist seit 1945 erst die zweite Friseurin, die auf die Walz geht. Was jahrhundertelang für Handwerker Pflicht war, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden, gilt heute als etwas Besonderes. Wer sich aber einmal für die Walz entschieden hat, den erwarten viele neue Orte und Menschen, Abenteuer und viel Lebenserfahrung. Diese Eindrücke wirken umso stärker, da für die Gesellen während der Walz das Mobiltelefon tabu ist – einige Zünfte nageln das gute Stück vor Beginn der Walz buchstäblich an die Wand.

Die Tippelei kann man auch als eine sehr lange Fortbildungsreise sehen. Wandernde arbeiten bei anderen Betrieben, lernen andere Arbeitstechniken und Arbeitsabläufe kennen. Dank des Internets sind die Länder näher zusammengerückt und dadurch die Unterschiede nicht mehr so groß, wie noch vor ein paar hundert Jahren. Trotzdem kann es nie schaden, Neues dazuzulernen. Momentan wandert Caro Freisl durch Deutschland, doch schon bald möchte sie ihre Wanderschaft auf Europa und dann auch andere Kontinente ausweiten. Und sicher wird sie nach Ablauf der drei Jahre und einem Tag glücklich sein, sich ihrer Heimat und Familie wieder mehr als 50 km nähern zu dürfen.